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Aus der Praxis

Plötzlich ist alles ganz nah.

Interview mit Jana Kaulbach und Linda Kleinhückelskoten von der Schülerfirma Diffriend.

Frau Kaulbach, was ist die Idee Ihrer Schülerfirma, die Sie mit drei anderen Kolleginnen betreiben?

Jana Kaulbach: Wir kommen ja aus dem Westerwald, also einer eher ländlichen Region. Hier passiert das, was auf dem Land oft passiert: Die Provinzkinos sind unrentabel. Darum sind wir auf die Idee gekommen, diese Provinzkinos attraktiver zu machen. Und zwar dadurch, dass man zum Kinobetrieb etwas Zusätzliches anbietet, nämlich Party-Veranstaltungen nach dem Abendfilm. Weil es hier in unserer Gegend Discos, die für die Jugend attraktiv sind, nicht gibt. Durch diese Partys kann man erstens dem Kino mehr Zulauf verschaffen. Zweitens kann das Kino durch das Zusatzangebot seinen Umsatz steigern.

Wie sieht denn dieses Zusatzangebot genau aus?

Jana Kaulbach: Das sind Motto-Partys. Die finden im Foyer des Kinos statt. Erst läuft der ganz normale Kinobetrieb, und dann gibt es danach, freitags- oder samstagsabends zum Beispiel, diese Partys. Da wird auch ein DJ gestellt, damit es für die Partygäste auch interessant wird. Als Besucher kann man nur ins Kino oder nur zur Party gehen oder direkt ein Kombiticket kaufen.

Über wie viele Kinos reden wir denn eigentlich?

Jana Kaulbach: Über eins für den Anfang, hier in Montabaur. Erst mal gucken, wie das Ganze anläuft. Wenn es funktioniert, würden wir halt weitere Kinos dazunehmen.

Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Jana Kaulbach: Eine unsere Mitarbeiterinnen, Linda, jobbt im Kino hier in Montabaur. Die hat uns erzählt, wie die da zu kämpfen haben. Dann haben wir zum Kinobetreiber Kontakt aufgenommen. Dem haben wir unsere Idee vorgestellt, und er hat sie gut angenommen.

Wie erfahren denn die Leute, die sich überlegen, ob sie ins Kino gehen sollen, dass es außerdem noch eine Party gibt?

Jana Kaulbach: Durch Werbung. Wir haben Flyer und Werbeplakate gestaltet, die jetzt verteilt und aufgehängt werden sollen. Radio werden wir auch noch probieren.

Was war eine besondere Schwierigkeit, an der Sie zu knabbern hatten?

Linda Kleinhückelskoten: Wir mussten erst mal lange Recherchen durchführen, bevor wir wussten, wo wir überhaupt ansetzen können. Wie sieht das genau aus mit den rückläufigen Besucherzahlen? Wie sieht das in anderen vergleichbaren Städten aus? Wir haben exemplarisch ein Kino in der Pfalz überprüft, in einer Ortschaft mit 10.000 Einwohnern, ähnlich wie hier. Die haben in den Dreißigerjahren im letzten Jahrhundert aufgemacht, hatten immer gute Besucherzahlen, und haben dann ab den Neunzigerjahren Probleme bekommen: Die Besucher sind nämlich in die nächstgelegenen größeren Städte abgewandert, genau wie hier.

Gehörte zu der Recherche auch eine Marktrecherche?

Linda Kleinhückelskoten: Ja. Unsere Marktrecherche konnten wir glücklicherweise direkt in der Schule durchführen. Wir haben mit Klassenkameraden gesprochen. Da haben wir immer wieder zu hören bekommen: Wir fahren lieber nach Koblenz – das ist die nächste größere Stadt – in irgendeine Disco oder zu irgendeiner Veranstaltung oder in eine Bar. Aber das Problem dabei ist immer: Wie komme ich nach Koblenz? Und wie komme ich wieder nach Hause? Müssen mich meine Eltern holen? In Montabaur kann man alles zu Fuß oder vielleicht auch mal mit einem öffentlichen Verkehrsmittel erreichen. Aber die Beschwerde lautet auch immer: Hier gibt es ja nichts. Es gab mal eine Disco. Aber die musste wegen eines Sachschadens schließen. Obwohl die aber wahrscheinlich, wenn es sie noch gäbe, bis heute gut besucht wäre.

Was war ein weiterer Knackpunkt?

Linda Kleinhückelskoten: Die Kosten. Die mussten wir mit dem Kinobetreiber erst mal besprechen. Das war eine happige Recherche, die über das Jahr verteilt zu kalkulieren und sich dann zu überlegen: Ist das überhaupt möglich? Ist es rentabel?

Wer hat Ihnen dabei geholfen?

Linda Kleinhückelskoten: Der Kinobetreiber hier in Montabaur. Und unsere Lehrer. Wir hatten parallel im BWL-Unterricht Projekte zum Aufbau eines Unternehmens laufen. Außerdem hat uns ein Bekannter der Familie von Frau Kaulbach – der hat hier in der Nähe eine größere Firma – seine Einschätzung gegeben: Ist das überhaupt machbar? Ist es überhaupt sinnvoll, so was zu gestalten?

Das waren die Probleme. Kommen wir auf die Sonnenseite. Was war richtig gut?

Linda Kleinhückelskoten: Eben mit dem Team zusammen etwas gestaltet zu haben, ein Konzept zu entwerfen und dann hinterher zu sehen, dass man da wirklich was geschaffen hat. Zu erleben, dass man das hinbekommt, wenn man zusammen an einem Strang zieht und sich gegenseitig mit allen verschiedenen Qualitäten ergänzt. Und dass man sich dabei aufeinander verlassen kann.

Sie haben ja BWL als Fach. Und so eine Schülerfirma ist ja auch eine Methode, mit der BWL-Inhalte vermittelt werden sollen. Was war denn aus dieser Perspektive eine besonders wichtige Erfahrung?

Linda Kleinhückelskoten: Dass alles, was man lernt und was sonst in der Schule so weit weg ist, plötzlich ganz nah ist. Dass Strategie und Marketing nicht nur irgendwelche Wörter sind, sondern wirklich Instrumente werden, die sinnvoll sind und die man in die Tat umsetzen kann. Es ist eben anders, als wenn man von den Lehrern etwas erzählt bekommt, das einen dann aber noch nicht direkt betrifft.

Welchen Rat würden Sie anderen geben, die eine Schülerfirma ausprobieren wollen?

Linda Kleinhückelskoten: Einen Zeitplan zu machen. Also wirklich zu sagen: Dann und dann muss das und das gemacht sein. Und sich schon eine Woche vorher drum zu kümmern und nicht erst drei Tage vorher oder auf den letzten Drücker. Also, wir haben eigentlich alles gut organisiert bekommen. Aber manchmal hätte man vielleicht doch einen Zeitplan aufstellen müssen. Das haben wir ein bisschen unterschätzt. Das würden wir beim nächsten Mal anders und wahrscheinlich auch besser machen.

Ein letzte Frage: Sie haben ja in der Kategorie Frauenpower gewonnen. Aus welchem Grund gibt’s in Ihrem Team keine Männer?

Jana Kaulbach: Dafür gibt es keinen besonderen Grund. Wir vier waren halt direkt von der Idee begeistert. Darum hat sich unser Team, so wie es jetzt ist, zusammengefunden. Wir wollten Männer nicht explizit außen vor lassen.

Weitere Informationen zur Schülerfirma: Diffriend

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