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Aus der Praxis

Man muss Geduld haben und bei seinen Entscheidungen bleiben.

Interview mit Jan-Niklas Möller, Vorstandsvorsitzender der Schülergenossen Selm eSG.

Herr Möller, Ihre Schülergenossen haben ja schon einige Geschäftsideen mit diversen Schülerfirmen umgesetzt. Erzählen Sie doch mal.

Es fing damit an, dass es bei uns in der Stadt Selm das Problem gibt, dass sich nicht wirklich alle Einwohner der Stadt zugehörig fühlen. Und es gibt auch immer wieder mal Spannungen zwischen den Stadtteilen. Da haben wir uns gedacht: Wir müssen irgendwas tun, damit alle ein bisschen zusammenrücken, dass man ein Wir-Gefühl ausbildet. Und dazu haben wir als Erstes Buttons entworfen und hergestellt, mit Slogans wie „I love Selm“ und solchen Dingen. Damit haben wir uns das erste Startkapital erwirtschaftet. Das haben wir dann in Stofftaschen investiert. Dafür haben wir eine Skyline entworfen mit allen Sehenswürdigkeiten, die es so in Selm gibt. Und dieses Motiv haben wir auf die Taschen drucken lassen. Von den Taschen haben wir ungefähr 800 Stück verkauft. Dann haben wir, im letzen Winter war das, auf dem Weihnachtsmarkt, diese Kartoffelspiralen gesehen. Und weil wir davon so begeistert waren und fasziniert von der Art, wie die hergestellt werden, haben wir gedacht: Das können wir auch machen. Wir haben uns erkundigt, ob das umzusetzen ist, wie das umzusetzen ist, und jetzt stellen wir die seit diesem Sommer her und verkaufen die unter dem Namen „The Potato Company“ beispielsweise auf dem Selmer Stadtfest oder dem Adventsmarkt.

Haben Sie denn feststellen können, dass sich über den Verkauf der Buttons und Taschen etwas im Zusammenleben verändert hat?

Natürlich kann man das mit 800 Taschen nicht komplett revolutionieren. Aber man freut sich, wenn die Leute in Selm mit den Taschen rumlaufen. Wir haben ungefähr 27.000 Einwohner. Da sind 800 Taschen schon viel.

Und diese Kartoffelspiralen und die Smoothies, die Sie ja auch noch herstellen: Dienen die auch immer noch dem Zweck, dieses Wir-Gefühl zu verstärken?

Nein. Das war unser erster Geschäftszweig. Beim zweiten geht es jetzt um das Thema Food.

Was war denn bei Ihren vielen Aktivitäten so eine richtig harte Nuss?

In der Schule ist man immer so ein bisschen behütet. Und plötzlich muss man sich wirklich mit Leuten auseinandersetzen und vielleicht auch verhandeln und sagen, wie man sich was vorstellt. Zum Beispiel, als wir die Stofftaschen bestellt haben: Da hat uns die Werbeagentur, die die bedrucken sollte und auch bedruckt hat, gesagt, dass das so, wie wir uns das vorgestellt haben, nicht funktioniert. Zum Beispiel die Taschen bis zum Rand zu bedruckten. Geht nicht. Oder sich mit Kunden auseinanderzusetzen. Der Genossenschaftsverband wollte bei uns mal Stofftaschen bestellen. Die hatten aber nur ein begrenztes Budget. Wir wollten den Auftrag schon gern übernehmen, allerdings auch was verdienen. Außerdem mussten wir die Werbeagentur bezahlen. Das alles unter einen Hut zu bekommen, das ist gar nicht so einfach.

Ging aber.

Ja, das funktioniert dann immer irgendwie. Beispielsweise dadurch, dass man die eigene Gewinnspanne etwas runterfährt und dafür dann sieht, dass wir auch einen Werbe-Nutzen haben, wenn der Genossenschaftsverband mit unseren Produkten wirbt. Wobei man als Schüler immer noch den Vorteil hat, dass man vielleicht dem Lieferanten sagen kann: Das ist ein Schülerprojekt, sei mal etwas gutmütiger. Das klappt natürlich nicht immer. Wichtig ist es dann vor allem, Fehler zu erkennen und beim nächsten Mal zu vermeiden.

Was haben Sie denn für Fehler gemacht und dann vermieden?

Vor allem bei der Preisgestaltung. Wir haben zum Beispiel auch Teelichthalter hergestellt. Das ist ein relativ hochwertiges Produkt, wenn man das Holz in einer Schreinerei fräsen lässt. Und dann haben wir uns damit auf den Weihnachtsmarkt gestellt und wollten diese Teelichthalter für 10 Euro das Stück verkaufen. Und haben gemerkt: Oh, die Leute wollen dafür aber keine 10 Euro ausgeben. Dann muss man sich natürlich Gedanken machen, ob man das irgendwo günstiger einkaufen kann und ob wir noch was dran verdienen, wenn wir es billiger anbieten.

Und wie haben Sie das in den Griff gekriegt?

Wir haben dann noch mal betont, dass das Produkt wirklich hochwertig ist, dass es auch hier vor Ort produziert wird und nicht in China. Letztendlich sind wir auch ein bisschen mit dem Preis runtergegangen. Also so, dass es für uns noch profitabel blieb.

Wer hat Sie bei all Ihren Aktivitäten unterstützt? Und wobei?

Vor allem unsere Lehrer. Unsere Kunstlehrerein, Frau Bruns, bei der Skyline für die Taschen. Vor allem aber unser Lehrer für Sozialwissenschaften, Erdkunde und Geschichte, Herr Mersch. Zum Beispiel bei der Buchhaltung. Wir haben ja die Rechtsform der Schülergenossenschaft. Und das bringt mit sich, dass wir einmal im Jahr von einem richtigen Wirtschaftsprüfer geprüft werden. Der kommt zu uns in die Schule und prüft unsere Buchhaltung. Und da muss man, wenn man noch nie mit so was zu tun hatte, erst mal ein System entwickeln und auch Abläufe festlegen, wie man eine Rechnung erfasst und solche Dinge. Oder er hat uns gezeigt, wie man berechnet, ob sich eine Idee lohnt oder nicht. Also, es gab auch schon Fälle, bei denen wir gesagt haben, dass ein Produkt für uns nicht profitabel ist. Und dann haben wir das auch nicht umgesetzt.

Was hat Ihnen denn die Schülerfirma-Methode an besonderen Einblicken in das wirkliche Wirtschaftsleben vermittelt?

Man bekommt die Chance, sich in der freien Marktwirtschaft mit ausprobieren zu können – ohne finanzielles Risiko.

Sind Sie denn nirgendwo Risiken eingegangen, wo Sie gesagt haben: Hoffentlich geht das gut?

Doch, eigentlich schon. Wir sind ja eine Genossenschaft. Das heißt, jeder hat ja Anteile an dieser Firma, im Bereich von zehn bis 20 Euro vielleicht. Das heißt, für jeden Einzelnen ist es jetzt nicht das große Risiko. Aber natürlich muss man als Geschäftsführer immer sehen, dass da insgesamt 50 Mitglieder ihr Geld drin stecken haben. Und denen ist man dann natürlich auch Rechenschaft schuldig, wenn was schiefgeht. Man muss da schon sehr sorgfältig überlegen.

Haben Sie mal ein Beispiel dafür?

Ganz am Anfang haben wir für die Herstellung der Buttons eine Buttonmaschine gekauft. Und wenn man eine Buttonmaschine kauft für 200 Euro, und dann die Buttons gar nicht verkauft bekommt, dann sind die 200 Euro natürlich weg, und die Mitglieder haben ihr Geld verloren. Es läuft schon so ab, dass wir ein Mal im Jahr eine Mitgliederversammlung haben. Da wird grundsätzlich festgelegt, was wir vorhaben. Dann wird abgestimmt. Und dann wählt diese Mitgliederversammlung einen Vorstand, und der Vorstand entscheidet im Laufe des Jahres, was konkret passiert. Und wenn der sich unsicher ist, bei größeren Entscheidungen, zum Beispiel als wir 500 Taschen nachbestellt haben, setzt er sich mit dem Aufsichtsrat zusammen. Und wenn man dann zu sechst entschieden hat, dass es wohl was werden kann, dann kann man da auch selbstbewusst mit umgehen vor der Mitgliederversammlung.

Welchen Rat würden Sie anderen geben, die eine Schülerfirma ausprobieren wollen?

Man muss sich vorher überlegen, ob das Ganze funktionieren kann. Und dann sollte es auch so sein, dass man das Ganze wirklich langfristig anlegt. Dass man erst mal Käufer auf sich aufmerksam machen muss, das Produkt bewerben muss. Und das funktioniert wirklich nicht von heute auf morgen. Man darf nicht die Erwartungshaltung haben, dass es sofort super gut funktioniert, sondern man muss Geduld haben und bei seinen Entscheidungen bleiben und einfach noch mal versuchen, ob es nicht doch irgendwie funktioniert. Vielleicht noch mal andere Wege überlegen.

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