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Interview mit Achim Lipski, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der bundesweiten Schülerwettbewerbe, Zentrum für Europäische Bildung, Bonn.

Was ist das Besondere daran, wenn Schülerinnen und Schüler an Wettbewerben teilnehmen?

Lipksi: Sie gehen aus der Schule heraus. Wettbewerbe schaffen eine Ernstsituation, in der nicht für den Lehrer oder Noten gelernt wird, sondern externe Fachleute oder ein Auditorium ein Feedback geben. Die Anerkennung dieser Fachleute oder Auditorien motiviert Schülerinnen und Schüler zu besonderen Anstrengungen. Und das wiederum schafft eine besondere Lernqualität. Das alles ist ungewöhnlich. Normalerweise betritt der Lehrer den Klassenraum, die Tür geht zu, und die Lerngruppe ist 45 Minuten oder länger nur mit sich selbst beschäftigt. In dem Augenblick aber, wo Sie eine Öffentlichkeit herstellen, haben Sie auch eine andere Lernsituation. Viele Lehrerinnen und Lehrer schätzen das überhaupt nicht. Es durchbricht die Schulroutine.

Viele Lehrerinnen und Lehrer wollen den Schutzraum Schule erhalten, um die Jugendlichen nicht zu viel Wettbewerb und Konkurrenz auszusetzen und zu überfordern.

Lipksi: Schule ist in meinen Augen kein Schutzraum. Nehmen Sie die Klassenarbeiten, die Benotung: Da gibt es ja durchaus auch Wettbewerb. Sicher ist es etwas ganz Anderes, sich einer Benotung durch Dritte auszusetzen. Also beispielsweise einer Jury, die sagt: Diese Arbeit ist gut, die andere ist allerdings noch besser. Aber: Schule muss Schülerinnen und Schüler mit dem konfrontieren, was sich in der Realität abspielt. Und in der Realität spielt sich nun mal Konkurrenz ab. Ich kann Schülerinnen und Schüler nicht davor bewahren, dass sie solchen Konkurrenzsituationen ausgesetzt sein werden, sondern muss sie darauf vorbereiten, dass das eines Tages zu ihrem Berufsleben gehört.

Trotzdem gibt es viele Lehrerinnen und Lehrer, die Nein zu Wettbewerben sagen.

Lipksi: Stimmt, nur ein Bruchteil aller Schulen nimmt an Wettbewerben teil. Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens bedeutet die Betreuung von Wettbewerben zusätzliche Arbeit. Zweitens sind viele Lehrkräfte auch schlicht und ergreifend nicht oder schlecht über Wettbewerbe informiert. Sie beschäftigen sich nicht mit den didaktischen oder methodischen Ansätzen von Wettbewerben. Und drittens: Auch Lehrerinnen und Lehrer haben Angst davor, zu scheitern, genauso wie die Schülerinnen und Schüler. Ganz einfach. Denn sie haben ein Wettbewerbsteam zu dem Ergebnis geführt, das die Jury verkündet. Und das schafft zusätzlichen Druck.

Wie kann man Lehrerinnen und Lehrern den Zugang zu Wettbewerben erleichten?

Lipksi: Die Schulleitung muss zuerst dahinter stehen. Und Lehrerinnen und Lehrer, die Wettbewerbe betreuen, müssen dafür eine Anerkennung bekommen. Übrigens auch durch die Kollegen. Das ist nicht selbstverständlich. Diese „Wettbewerbsexoten“ werden einerseits beneidet, anderseits gelten sie als Streber. Das Problem lässt sich dadurch lösen, dass man die regelmäßige Teilnahme an Wettbewerben ins Schulprofil aufnimmt. Das führt dazu, dass viele Lehrerinnen und Lehrer viel lockerer mit Wettbewerben umgehen, weil sie eben selbstverständlich dazu gehören. Man ist dann nicht mehr der ehrgeizige Streber, sondern man kann sich auf das Schulprofil berufen. Die Teilnahme an Wettbewerben wird zum Bestandteil einer veränderten Schulkultur. Es gibt Schulen, die haben sogar Wettbewerbsbeauftragte. Und viele Schulen sind mittlerweile darauf gekommen, dass sie sich durch die Schulprofile voneinander unterscheiden. Das Angebot von Wettbewerben kann dann interessanterweise ein entscheidender Faktor im Wettbewerb der Schulen untereinander sein.